Freitag, 12. Oktober 2012

Wintersleep - Hello Hum

(Roll Call Records, 2012)


Wie sollte eine Plattenkritik sein? Sie sollte die Musik ein wenig beschreiben, in einen historischen Kontext einordnen, Vergleiche ziehen können, dabei möglichst objektiv bleiben und eine auf mehr oder weniger festen Fakten beruhende Bewertung folgen lassen.
Wie sollte Musik sein? Musik muss gefühlsbeladen sein, sie muss subjektiv rezipiert, verstanden und erlebt werden. Der Genuss musikalischer Erzeugnisse darf – oder sollte - nicht auf Fakten über den Künstler/die Band beruhen. Wer würde ansonsten noch Pete Doherty oder die Gallaghers hören? Musik muss einen abholen, mitschleifen und emotional ausgelaugt liegenlassen.

Abholen. Was ist besser geeignet einen mitzunehmen als eine butterweiche, betörende, einnehmende Stimme die schon im Opener des Albums einem sein ganzes Lebensleid offenbart: „I can only find you/ if you are looking for me“. Eine herzöffnende Ansage, ohne Gnade, ohne Schutz, ohne Selbstmitleid, ohne Versteckspiel. Das pure leid, das pure Gefühl. „Where will I go?

Mitschleifen. Das Hauptaugenmerk bei dieser Platte fällt zwangsläufig auf Paul Murphy's Stimme und die wunderbar einfachen, aber prägnant einfachen Texte, welche einen über die gesamte Spielzeit immer wieder in den Bann ziehen und mitnehmen. Ein Lösen von eben jener ist nur bei Call Me Maybe-Sängern oder gefühlskalten Eismenschen vorstellbar. Die – zugegeben – nicht unglaublich hohe lyrische Qualität wird durch die Stimme Murphys aufs Abstellgleis verfrachtet. Zeitweise macht sich der Eindruck breit, als ob man seinem Opa beim Geschichten erzählen beiwohnen würde, so vertraut und heimisch wird einem der wunderbare Singsang irgendwann. „I wanna stay/ If it's alright

Liegenlassen. Nach der vollen Spielzeit dieses Albums ist man keineswegs körperlich, geistig oder intellektuell überfordert. Auf emotionaler Ebene ist dieser Seelenstrip von Album jedoch in gewisser Hinsicht anstrengend oder wenigstens mitreißend. Doch was passiert danach? Man wird achtlos zurück auf die Straße zurück geworfen und hofft, dass einen nochmal jemand mitnehmen kann. Ein so großes Herz haben in der wirklichen Welt leider nicht so viele, so wird man auf der Straße liegend gnadenlos von der Wirklichkeit überfahren oder mindestens dort bis zum erfrieren liegen gelassen wird.

All jokes aside“ Innovationsdrang, Exklusivität oder gar Avantgardismus werden auf dieser Platte vollkommen außen vor gelassen, was ein herzloser Kritiker als Anlass nehmen könnte, diese Platte in den Boden zu stampfen. Jedoch sollte Musik sich nicht zwingend auf Fortschritt beschränken, sondern einen abholen, mitschleifen und liegenlassen können. Emotionen für alle!
Die seit Jahren immer wieder aufkommende Frage, warum diese überaus grandiose Band immer noch keine Stadien füllt, ist nur mit dem fehlenden Starpotential zu beantworten, den sie einfach nicht besitzen und wohl auch niemals besitzen werden. Auch nach dem mittlerweile 5. Album bleibt diese Frage stehen. Wahrscheinlich ist diese dadurch verursachte Intimität jedoch besser um immer wieder aufs Neue abgeholt, mitgeschliffen und liegen gelassen zu werden.
You're still the one
(Marius Wurth)

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Papa Roach – The Connection


(Eleven Seven Music, 2012)


Papa Roach, meine alte Jugendliebe (John Miles), haben mit "The Connection" mittlerweile ihr nunmehr siebtes Album veröffentlicht. Seit 13 Jahren begleiten sie mich nun durch mein Leben; Grund genug, einmal genüsslich zu resümieren, was bisher geschah.
In der Grundschule kam ich das erste mal mit "Infest" in Berührung. Speziell mit den Songs "Last Resort" (natürlich, noch einen anderen Song, anyone?), "Broken Home" und "Dead Cell". Diese Musik, die so sehr mit dieser faszinierenden, dunklen und zornigen Energie aufgeladen war schlug mich schon damals in ihren Bann. Doch wer ist in der Grundschule schon so weit, sich ausführlich mit Musik zu beschäftigen (W.A. Mozart). Dennoch fand sich das zweite Album – von den Kritikern verteufelt und von mir bis heute innig geliebt – "Lovehatetragedy" etwa 2003 in meiner privaten Sammlung ein (die damals immerhin schon rund eine Handvoll Cds umfasste) und kurz darauf konnte ich einmal in meinem Leben das erwartungsvolle Hoffen auf ein Album erleben, von dem die großen Alten immer so schwärmen (so richtig mit Single kaufen und Monate lang darüber diskutieren, ob sie gut ist oder nicht und ob sie das kommende Album repräsentiert). Und als dann 2004 das Album "Getting Away With Murder" erschien konnte ich einmal das Gefühl erleben, wie sich alle Freunde von der Lieblingsband abwenden und man selber – schon aus Trotz allein – eisern an der Band festhält, obwohl man mit der neuen Musik selber eigentlich gar nicht glücklich ist. Wo waren sie hin, diese Energie und der Zorn, die Papa Roach so spannend gemacht hatten? Immerhin ein vermeintlich kommerzkritisches Video konnte mir das Album noch schönreden. Und siehe da, mit der Musik bin ich dann auch noch warm geworden. Die folgenden Alben "The Paramour Sessions" und "Metamorphosis" vollzogen dann den Wandel von der NuMetal Band zur glamourösen Rock-Band vollständig. Dennoch hatte sich die alte Liebe hartnäckig gehalten. Und vor allem der Besuch eines Live-Konzertes während der Metamorphosis-Tour (endlich! Länger hätte man wohl nicht warten können), verstärkte dieses Gefühl noch mehr. Genau wie der – natürlich längst abonierte und mittlerweile zum Facebookfeed konvertierte – eMail -Newsletter machte dieses Konzert und jedes Fitzelchen Information, dass mir beim Stöbern in den Weiten des Zwischennetzes in die Finger kam, die Band noch sympathischer.
Und so könnte ich jetzt noch lange damit zubringen zu erklären, wie sich seit "Time for Annihilation" und vor allem auf dem Neuen "The Connection" langsam elektronische Einflüsse und (noch mehr) Pop ("Before I Die") auf der einen Seite, aber auch wieder härtere Riffs ("Where Did The Angels Go") und sogar vereinzele Rap-Parts ("Still Swingin'") in die Musik einschleichen. Aber das würde Niemanden mehr interessieren. Der gute Teil der Geschichte ist jetzt vorbei. Aber es tut gut mit einem Teil seiner Geschichte in Verbindung zu sein (Bernd Begemann). (Sören Reimer)

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Instrument – Olympus Mons


(Broken Silence, 2012)




Wenn man über neue und innovative Musik spricht, bezieht man sich häufig nicht auf Bands und KünstlerInnen aus Deutschland. Viel eher kommt solch spannende Musik nämlich aus Ländern und Gegenden wo der Puls der Zeit schlägt: Ost- und West-Küste der USA, die Ballungsräume in Großbritannien und die skandinavischen Musik-Metropolen. Vielleicht hängt das aber auch damit zusammen, dass Musik in solchen Gegenden einfach mehr gefördert wird oder es eine bessere Infrastruktur innerhalb der Szene gibt, als es in Deutschland der Fall ist. Doch immer wieder beweisen einige Bands und KünstlerInnen, dass auch hier spannenden neue Musik entstehen kann. Ein sehr gutes Beispiel dafür ist die Band mit dem – überaus Google-unfreundlichen – Namen Instrument. Diese drei Jungs aus München (Großstadtphänomen? Man denke an Berlin, Hamburg, Köln und eventuell auch Stuttgart) haben gerade ihr nunmehr zweites Album „Olympus Mons“ veröffentlicht. Und wenngleich die Musik auf diesem Album auf der einen Seite schwer fassbar ist, kennt man doch auf der anderen Seite die Elemente, aus denen sie besteht, schon; denn Instrument gehen auf diesem Album einen interessanten, aber zunächst auch verwirrenden Weg zwischen Post-Rock (Explosions in the Sky, Mogwai aber auch Tortoise), Post-Hardcore (Thrice), Pop, Filmmusik und vielen weiteren Einflüssen, die hier und da kurz aufblitzen (Die Solo-Gitarre, die im Titeltrack auftaucht erinnert ein wenig an den Scat-Gesang fähiger Jazz-Sänger). Dabei bleiben Instrument (zum Glück) nicht der reinen Instrumental-Musik treu, was im Post-Rock ja eher üblich wäre: Gerade die Mischung aus gesungenen – oder vielmehr vom Gesang unterstützten – Liedern und instrumentalen Nummern lockert das Album angenehm auf und bietet so auch Leuten, die sich (noch) nicht für Post-Rock interessieren, genug Anhaltspunkte um mit der Musik etwas anfangen zu können. Auch in Punkto Sound und Songwriting zeigt sich die Band experimentierfreudig: Beim großartigen „Doing Nothing is Art“ zum Beispiel treffen Metal-Gitarren auf Pop-Gesang, die sich dann gemeinsam immer weiter steigern, bis sie gemeinsam einen Thrice-esquen Charakter erreicht haben (man verzeihe mir den Mangel der Referenzen, das wird noch nachgeholt).
Insgesamt erzeugt das Album eine eigenartige, energiegeladene Stimmung, die sich auf den Hörer überträgt. Man ist stets zwischen dem energischen Rucken des Nackens und dem taktvollen Wippen des Zeigefingers hin und hergerissen. Instrument beweisen somit eindrucksvoll, dass es auch spannende Musik aus Deutschland gibt. Und natürlich ist das generell auch der Fall. Aber vielleicht sollte man sich mal fragen warum man (also in diesem Fall des Autors Wenigkeit) auf so großartige Musik nur auf dem Wühltisch eines Post-Rock-(also-Nischen-)Konzertes oder in einem winzigen Artikel in der Musikpresse stößt. (Sören Reimer)

Dienstag, 18. September 2012

Slint – Spiderland

(Touch and Go, 1991)



Schon wieder alter Post-Rock, aber dieses mal keine abenteuerlichen Exkurse über das Für und Wider. Einfach nur Musik.
Leise Gitarren, ein repetitives Riff, irgendwo zwischen Country, Grunge und Fahrstuhlmusik (Sehr Tortoise-esque. Beziehungsweise umgekehrt. Ach! Wäre ich doch nur einmal dazu in der Lage alle Musiken der Welt in der chronologisch und Bezugsmäßig korrekten Abfolge zu hören!). Dazu leises, unharmonisches Gebrabbel (Doors-esque). Pause. Und weiter. Dann auf einmal:
Duuuu! Iiiii! Duuuu! Iiiii! Die Gitarren übersteuern heftig. Abwärtsmotiv zum Abschluss der Phrase: Dödödööö! Dödödööö! Dödödööö! Jetzt eindeutig mehr Grunge. Der Gesang klingt auch genau so. Rauh. Verzweifelt. Dann wieder abgeklärtes Gebrabbel, sofort gefolgt vom erneuten, jugendlichen Geschrei.
(Man mag mir an dieser Stelle den kurzen Exkurs verzeihen, aber das Cover des Albums spiegelt diese Jugendlichkeit eigentlich perfek wieder: Vier junge Männer, allesamt schwimmend, postpubertär. Ein verwackeltes Schwarz-Weiß-Foto und überraschte und irgendwie schelmisch grinsende Gesichter. Wer weiß, was diesen Jungs im Kopf rumging, als sie dieses Album schrieben?)
Der Song endet dann so, wie er begann: leise Gitarren und Gebrabbel. Irgendwie schön. Irgendwie unverständlich.
Dann kommt der Nosferatu Man. Die Idee ähnelt der von Breadcrumb Trail (also dem ersten Song. Aber wozu sind Namen schon gut?): Ein leises Gitarren-Riff am Anfang mit gesprochener Stimme (nur dass die Gitarre direkt verzerrt ist, viel gruseligere Harmonien verwendet und das Motiv, das im Wechsel mit dem Gesang auftaucht, eher so klingt: Rödödödö I-i-i-i-i-iöi!). Dann folgt der Ausbruch mit verzerrten Gitarren und grungigem Gesang. Packender dieses Mal. Dann Instrumental-Break, schwer groovend. Dödö.Dödö.Dödö.Dödö. Dann wieder geflüstert-gesprochener Text, wovon sich die Gitarren nicht aus der Ruhe bringen lassen. Dödö.Dödö.Dödö.Dödö. Dann auf einmal Didi.Didi.Didi.Didi. Abwärts-Folge. Die wollen was Neues. Und da taucht auch schon wieder die Stimme auf. Didi.Didi.Didi.Didiiiiii.Schluss. Oh. Schon?
Wer ist eigentlich Don, Aman? Klingt zumindest ganz gut. Der Song, nicht der Name. Mit schwerem Pathos hören wir die Stimme sagen: "Don stepped outside." Dann Zwei Minuten lang Bass, cleane Gitarre und düstere Satzfragmente. Schleppend. Da da daa da da daa. Da da da da da da di da. Dann Themenwechsel. Thema B geht ganz langsam los. Einzelne Töne verweben sich und fangen langsam an zu rennen. Dann wieder die Stimme. So ein manisches Flüstern. 
(Nett übrigens, dass die Jungs überhaupt kein Booklet zu der CD beigelegt haben. Stattdessen ist auf der Rückseite des Covers vermerkt, dass sie eine Sängerin suchen. Meldungen bitte postalisch an 1864 douglas blvd. louisville, ky. 40205.) 
Weitere Steigerung. Verzerrte Gitarre. Rädädädädädädädädädädädädädädädädädä. Dann auf einmal wieder Ruhe. Bass und Gitarre faden langsam aus. Nach der Stille noch einmal kurz in der Ferne die E-Gitarre, schwer verhallt. Rädädäää...
Man merkt schnell, über jeden dieser Songs könnte man ganz leicht wesentlich mehr schreiben. Und es ist ja auch gerade mal die halbe Platte erzählt. Auch könnte ich jetzt noch lange über die interessanten Experimente zwischen Grunge und Easy-Listening, zwischen Film-Musik und Spoken-Word-Art/Hörbuch (Good Morning, Captain) diskutieren. Aber manchmal taugen Worte eben auch einfach nicht. Anhören. (Sören Reimer)

Samstag, 15. September 2012

Eversham - Eversham

(2012)



Irgendwie ist es bezeichnend, dass ich zuerst in einem Online-Forum über Eversham gestolpert bin. Damals – hach! Welch großes Wort, wenn man bedenkt, dass ich nur von 2011 rede – warb jemand in besagtem Forum in einem einschlägigen Diskussionsstrang für das damals gerade erschienene Debüt der australischen Band. Interessanterweise – zumindest für mich damals sehr überraschend (ja, ich war schon immer von der langsamen Sorte) – völlig umsonst. Dafür aber mit einem gut produzierten Musikvideo, das passenderweise die Stilistik der Clips von Steven Wilson, den ich schon damals völlig abgefeiert habe, aufgriff (Gasmasken, entmenschlichte Gestalten, flackernde Lichter und sonst alles was einem dieses angenehme Gefühl aus Grusel und Distanz vermittelt). Das Album selbst hat mich damals allerdings nicht völlig überzeugt. Irgendwie fühlte ich mich mit den Teilen zwischen den teilweise schon sehr schönen Gitarrenriffs noch etwas überfordert. Die Musik war schon damals – schon wieder! Anscheinend ist mein epische-Worte-Konto noch zu voll – sehr progressiv, allerdings noch größtenteils ruhiger und melancholischer, angefüllt mit vielen Synthie-Flächen, die den geneigten Hörer zum cineastischen Ausflug durch die eigene Fantasie einladen.
An dieser Stelle findet sich der größte Schnittpunkt zum neuen Album, zu dem die Band übrigens wieder einen ganz hübschen Videoclip veröffentlicht hat. Allerdings unterscheidet sich das neue Album auch wesentlich von seinem Vorgänger: Nach wie vor handelt es sich bei der Musik von Eversham um instrumentalen Prog-Rock, der nun allerdings viel härter und brachialer um die Ecke kommt. Das tut der Eingängigkeit der Songs erstaunlich gut und betont den cineastischen Charakter noch in sofern, als dass es so wirkt als würden hier die Gitarren direkt mit dem Hörer kommunizieren. Auch kommen wieder viele Synthies und Keyboards zum Einsatz (sogar ein Klavier! Ein Klavier!), dieses mal jedoch viel eher im Dienste der Gitarren und nicht zum Stopfen der Lücken. So scheint es, dass Eversham die Wasserscheide, an der sie sich auf dem letzten Album befunden haben, mit vollem Karacho in Richtung Rock und Metal hinunter geschwommen, nein -gesprungen sind. Doch leider gehört dieses Album noch zu den vielen schönen Phänomenen, die das Internet in seiner Hinterhand hält und es nur demjenigen, der zufällig das Glück hat darauf zu treffen, mit einem schelmischen aber wohlwollenden Grinsen überreicht. (Sören Reimer)

Dienstag, 28. August 2012

Skinny Lister - Forge & Flagon

 (Sunday Best Recordings, 2012)





Trinken, Tanzen, Tradition

Londons junge Folkszene bekommt mit Skinny Lister einen Neuzugang und sind doch ganz anders als Mumford & Sons, Johnny Flynn, Laura Marling und Konsorten. Während diese sowohl musikalisch als auch lyrisch viel auf einer gefühlsduseligen Ebene arbeiten, steht bei den 4 Jungs plus Partybiene Lorna eher die Party im Vordergrund. Auf Konzerten mit der Vans Warped Tour, beim SXSW Festival und auf dem Haldern Pop erspielten sie sich einen Ruf als großartige Liveband, die sich nicht um Abstinenz, Schamgefühl und Akkuratesse kümmern braucht. So ist der Ausruf „Let's get wasted“ wohl die Zeile vom Album Forge&Flagon die am ehesten hängen bleibt und könnte so auch in ihrem Parteiprogramm stehen. Unweigerlich erscheinen bierbäuchige, bärtige, betrunkene, weißbehaarte Männer vor dem geistigen Auge, die in der irischen Provinz Volkstänze zu diesem Album aufführen könnten, nachdem sie vorher eine stattliche Anzahl an Pints vernichtet haben. 4-to-the-floor-Beat, um die 120 bpm und mehrstimmiger Gesang sind die nicht gerade außergewöhnlichen Zutaten zu diesem unüblichen Album, welches viel mehr nach Tradition klingt, als die oben angesprochenen anderen Jungfolkbands, die ihrem Folk ohne Frage eine Verjüngungskur verpasst haben. Ob es jetzt ein gutes oder schlechtes Zeichen ist, dass die kleinen Hobbits Merry und Pippin aus Peter Jacksons Herr der Ringe mit ihrem „Grünen Drachen“-Song einem in den Sinn kommen, weiß ich jetzt auch nicht genau.
Dass die 5 Londoner aber auch anders können, beweist der Closer Colours, der sich mit zuckersüßem Gesang weiter und weiter hoch schaukelt und dabei nichts anderes vor hat, als simpel die unterschiedlichen Farben des Sommers zu preisen: von grasgrünen Knien, über rote Hände vom Beerenpflücken, bis hin zu unterkühlten blauen Lippen, vom Schwimmen in der Nordsee.
Das was dieses Album so außergewöhnlich macht, ist die Tatsache, dass jedem Song eine ganz spezielle Eigenart innewohnt, dabei aber kohärent bleibt. Sei es das gröhlende a cappella - Stück John Kanaka, die wundervolle Alkoholverherrlichung in Wild As The Wind Blows, die förmlich zu spürende Reiselust in The Gaff Won't Let Us Down, die unglaubliche Einfachheit von Polkas oder das schon angesprochene zuckersüße Colours. Wem Mumford & Sons und Kollegen irgendwie zu unauthentisch sind, sei dieses Album also wärmstens empfohlen. (Marius Wurth)

Donnerstag, 19. Juli 2012

Danger Dan – Dinkelbrot & Ölsardinen

(Antilopen, 2012)


Als ich das allererste Mal eine Uni-Party besucht habe, wurde ein Song gespielt, der sich damals plump in mein Gehörzentrum prügelte und mich aufs Äußerste irritierte. „Fick die Uni“ von der Antilopen Gang (Spastik Desaster, 2009) war der Ursprung dieser Verwirrung.
Und dann schicktest du mir kürzlich dieses Video. Ein seltsamer Mann in gelber Friesenjacke blödelt über Haifische in Goldfischaquarien und ausgebeutete Kinder in einem Atemzug und singt dann im nächsten über das Netz der Ölsardinenindustrie. Allein der Inhalt sorgt für Verwirrung, aber was ist das für ein Vortrag? War der Gute vorm Rappen beim Zahnarzt und seine Zunge ist noch betäubt? Langsam und unrhythmisch stolpert er durch seinen Text. Ich bin irritiert. Frage nach, was ich denn da höre. Danger Dan, der Typ von der Antilopen Gang. Ah, na dann ist ja alles klar.
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Ok ok, also der Flow (Anti-Flow?) ist tatsächlich gewöhnungsbedürftig und mit Rappen im klassischen Sinn hat das teilweise wenig zu tun. Hier ist die Bezeichnung Spoken Word vielleicht angebrachter. War auch ich anfangs von dieser Art des Vortrags abgeschreckt, faszinierte sie mich nach mehrmaligem Hören umso mehr. Aber wo wird bei diesem Song bitte geblödelt? Über Kinderarbeit oder  den Delfinanteil einer Thunfischpizza sollte man wohl lieber keine Scherze machen!
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Also gut, lassen wir die Darbietungsform mal beiseite, aber leider werden auch gerade diese ernsten Themen, die Danger Dan in seinem Song (wohlmeinend?) anspricht immer wieder aufgebrochen, wenn er den Delfinanteil auf seiner Thunfischpizza mit Mario Kart auf eine Stufe stellt und über Kinderarbeit einfach ganz lax das Interesse verliert: „Und ausgebeutete Kinder macht mit Sicherheit auch irgendeiner. Vielleicht ausgebeutete Eltern oder der Hai aus dem Aquarium“. Und dann? Nerd-Referenz hier, Desinteresse da und ein bisschen vorgespieltes Entsetzen über die Ungerechtigkeit in der Welt. Reicht das schon um das Publikum für sich zu gewinnen? Wo bleiben denn da die (zu Recht geforderte) Ernsthaftigkeit und die Stringenz des Künstlers?
*
Aber exakt darum geht es doch: Wir alle wissen, dass beim Thunfischfang Delfine sterben, dass Kinder in Fabriken ausgebeutet werden und so weiter… Doch wenn wir ehrlich sind, haben wir sehr gut gelernt damit zu leben. Wir echauffieren uns von Zeit zu Zeit darüber („Da müsste man mal was tun!“), unterschreiben eine Onlinepetition, aber im Grunde wollen wir es nur möglichst schnell wieder verdrängen oder gar vergessen, um endlich wieder in Ruhe Mario Kart spielen zu können. Das von dir kritisierte Desinteresse und das vorgespielte Entsetzen spiegeln in Wahrheit Danger Dans eigenes Verhalten wider:  „Und schon bereue ich jede Thunfischpizza meines gesamten Lebens, und jede Stunde, die ich damit verschwendet habe, Mario Kart zu spielen.“
*
Nun, das klingt jetzt natürlich erst mal gut, aber irgendwie kann ich Dan diese Rolle des „Mr. Ich-habe-die-Gesellschaft-durschaut-und-halte-ihr-den-Spiegel-vor“ nicht abnehmen. Zu viele Bilder, die sich nicht auflösen (warum zur Hölle ausgerechnet „Ölsardinenindustrie“?) und zu viel Spiel mit Hip-Hop-Plattitüden, wie beispielsweise in „Er, Sie, Ich“ oder „Cool“. Und nur mal am Rande aber dafür im Ernst: Wer hat diesen Mann diese Hooks einsingen lassen? Und warum?
*
Zähneknirschend muss ich zugeben, dass „Er, Sie, Ich“ beinahe in die Nate57-Ecke abdriftet und dass Danger Dan sicherlich nicht der größte Sänger ist, weshalb die Hooks etwas schräg geraten sind. Aber das machen die großen Fische auch nicht besser: Hör dir aktuell beispielsweise mal den Refrain von „For My Upstairs Neighbor“ von El-P an! Und „Cool“ stört deiner Meinung nach bestimmt wieder die „Ernsthaftigkeit und die Stringenz des Künstlers“, weil man schließlich als gesellschaftskritischer Musiker nicht plötzlich ein lockeres, humoristisches Liedchen aufnehmen darf! Mein Gott, sei doch mal ehrlich: Du musstest mindestens einmal schmunzeln, hab ich Recht?
*
Touché; zum Schmunzeln hat er mich gebracht. Nichtsdestotrotz bin ich mir nicht sicher, ob dieses verwirrende, ölige Netz, das der Künstler hier selbst auslegt, von allen verstanden werden kann. Wie man schon an unserem kleinen Disput erkennt, handelt es sich um einen Künstler, der aneckt und zum Denken anregen will.
Weswegen ich mit diesen Songs wohl auf keiner Uni-Party konfrontiert werde. Danger Dan ist wohl eher für den Moment wenn "alle cool werden und chillen".
Falls ihr euch selbst ein Bild machen wollt, könnt ihr das Album auf der Antilopen-Seite kostenlos runterladen.
(Sören Reimer & Daniel Welsch)

Freitag, 29. Juni 2012

Storm Corrosion - Storm Corrosion

(Roadrunner Records, 2012)




Die Dunkelheit hatte sich bereits über das kleine Dorf gesenkt als Herr W sich auf seinem Weg nach Hause von einem unwirklichen Gefühl ergriffen wurde. Ihm war, als würde die Landschaft an ihm vorbeigleiten und der Månd raunte ihm leise etwas zu. Erschreckt schüttelte Herr W den Kopf, um diesen bösen Traum, der sich wie ein Schleier über ihn gelegt hatte, zu lösen. Obschon er nicht länger die Stimme in seinem Kopf vernahm, war ihm doch, als würde der Mond ihm gehässig zu grinsen. Und die Schatten der Bäume um ihn herum schienen sich klauenartig nach ihm auszustrecken.
Von dieser ungewissen Furcht getrieben, beschleunigte W seine Schritte. Er wog sich schon beinahe wieder in Sicherheit als die Stimme wieder in seinem Kopf erschallte. Und zudem hörte ein leises Rascheln im nahen Gebüsch, das ihn zusammen fahren ließ. Es war in diesem Moment, als W alle falsche Gelassenheit fahren ließ und panisch los rannte. Wie zum Hohn erklang in seinem Kopf gleich ein ganzer Chor aus Stimmen, die ihn all seiner Lügen und Missetaten gemahnten.
Als er sein Haus erreichte, öffnete er hastig die Tür und schlug eben diese dann hinter sich zu, um sich von seinen Peinigern zu trennen. In der Tat verstummten alle Stimmen und Geräusche für einen Moment. Doch dann sah W den Månd zum Fenster hinein scheinen.

In einem unweit gelegenen Fluss spiegelte sich das Mondlicht auf dem Blätterwerk der umliegenden Bäume. Es tanzte gemächlich über die bemoosten Steine, die am Ufer lagen und der Fluss tat es ihm gleich. Ein schwaches Blinken ging von einem Gegenstand am Ufer aus. Es handelte sich um einen längliches, metallenes Objekt, das mit einem Griff versehen und halb im Wasser liegend so aussah, als habe es Jemand dort verloren. Die Spitze des Gegenstandes ragte noch ebenso in das Wasser des Flusses und dieser vermochte so die dunkle Flüssigkeit, die dort vor einiger Zeit kleben geblieben war, wieder abzuspülen. Es war als würde der Mond, im Angesichte dessen, was er dort unten sah, sein Antlitz hinter einigen Wolken verbergen wollen und Dunkelheit umhüllte wiederum die Szenerie.
Als er sich dann langsam wieder zeigte, erhellte sein Licht zunächst zwei lange weiße Dinge, die im Fluss lagen. Während sich das Licht ausbreitete, erhellte es dann ein gefärbtes Stück Stoff, dass im Wasser aussah, als würde es von einem sanften Wind bewegt. Schon kurz darauf hatte er den gesamten Körper einer jungen Frau bloßgelegt, die reglos im Fluss lag. Aus ihrer Brust strömte, wie ein Faden, eine dunkle Flüssigkeit. Erneut verbarg der Mond sich hinter einer Wolke und sendete schwere Tränen gen Erdboden.

Auf der anderen Seite des Dorfes lebte eine alte Einsiedlerin, die von all diese Geschehnissen wusste und auch ihre Bedeutung zu lesen vermochte. Doch sie war stumm und von der Gesellschaft ausgeschlossen. Niemand schenkte ihr Gehör und so dachte sie bei sich, dass die Menschen ihr Schicksal selbst gewählt hatten.
In einem großen Kessel kochte sie verschiedene Kräuter nach einem uralten Rezept zu einem mächtigen Trank. Der Sud brodelte und zischte und sie fürchtete fast, dass man die Geräusche bis in das nahe Dorf hören könnte. Doch der Lärm verstummte bald und die alte Frau setzte ihr Werk unbescholten fort.
Sie sprach alte Wörter, deren Bedeutung die Menschen bereits vergessen hatten und sang ein Lied, das seit Generationen von der Mutter an die Tochter weitergegeben wurde.
Draußen nahm der Sturm an Kraft zu und das Rauschen der Bäume und das Prasseln des Regens untermalten den Gesang der Frau auf unheimliche Weise.
Nach einiger Zeit blickte sie zufrieden auf das Ergebnis hinab. Nun würde sie warten müssen.

Nur eine andere Person wusste ebenfalls um all diese Vorgänge. Ein tränenüberströmter Jüngling taumelte hilflos durch die Gassen des Dorfes. Von schweren Krämpfen der Trauer geschüttelt war er auf seinem ziellosen Weg durch die Nacht.
Vor dem Haus des Herrn W hielt er kurz an und richtete sich auf. In seiner Hand blitzte der metallerne Gegenstand auf, den er am Fluss aufgelesen hatte. Doch dann übermannte ihn einmal mehr die Trauer und er schleppte sich schluchzend fort in Richtung des Waldes. Von dort vernahm er ein unheimliches Rauschen und Klappern und er erinnerte sich an die Sagen, die in diesem Dorf schon so lange erzählt worden waren und die ihm bis heute die Furcht in die Glieder trieben.
Während er noch zaudernd am Waldrand wartete, trat aus den Schatten der Bäume die alte Einsiedlerin auf ihn zu und reichte ihm wortlos ein kleines Fläschchen, das mit einer hellen Flüssigkeit gefüllt war. Erstaunt blickte er zu ihr hin, doch sie war bereits verschwunden.
Langsam, als müsste er erst erneut lernen sich seiner Glieder zu bedienen, ging er zurück zum Haus des Herrn W. Er besah sich die kleine Flasche und sah, wie ihn sein eigenes, verzerrtes Spiegelbild ebenfalls ansah. Da überkam ihn eine vollkommene Ruhe und er wusste, was zu tun war. (Sören Reimer)