Donnerstag, 27. November 2014

Dies und Das - Kurzrezensionen #2

Opeth – Pale Communion
(Roadrunner Records, 2014)

 



Wenn eine Band sich zu einer künstlerischen Umorientierung durchringt, kann das entweder gut oder schlecht ausgehen. Im besten Fall aber kann eine Band quasi ihr zweites Debüt abliefern und sich komplett neu definieren. Das ist Opeth mit ihrem radikalen Stilbruch auf „Heritage“ leider nicht gelungen, doch „Pale Communion“ setzt genau da an, wo der Vorgänger nicht weit genug ging und vollzieht die Transformation von Opeths ehemaligem Death Metal zum Retro-Prog-Rock mit künstlerischer und klanglicher Brillianz. Zwar hat es mit dem zweiten Debüt also nicht geklappt, aber Opeth haben sich anscheinend und zum Glück wieder gefunden.



Die Höchste Eisenbahn – Schau in den Lauf, Hase
(Tapete Records, 2013)



Über Umwege stößt man ja häufig auf die besten Dinge. Dass das „Die Höchste Eisenbahn“-Debüt bei vielen meiner Freunde gut ankam, freute mich zunächst, doch irgendwie konnte mich das Album nicht so recht überzeugen. Erst viel später und nur durch einen Zufall wurde ich dann noch mal auf die Musik des Duos gestupst und fand meine helle Freude daran. Was für ein liebevoll arrangiertes und getextetes Songwriter-Album! Mit viel Witz und Mut zur Einfachheit schaffen Francesco Wilking und Moritz Krämer ein bleibendes Hörvergnügen.




Enno Bunger – Ein bisschen mehr Herz
(PIAS, 2009)




Zugegeben bin ich auf Enno Bunger nur gestoßen, weil er Spaceman Spiff bei TV Noir so effektvoll unterstützt hat (und weil die Geschichte, dass ein Komilitone aus Pop-Zeiten mit ihm die gleiche Schule besucht hat, mich etwa zur gleichen Zeit erreichte, wie eben dieser TV-Auftritt). Und die Musik bleibt irgendwie ein Fall für sich. Die Texte bleiben stets nicht greifbar und zum Ende des Album hat man außer einem (sehr schönen) Höreindruck wenig für sich mitgenommen. Eigentlich sollte Musik natürlich nur sich selbst genügen, aber gerade im Songwriter-Genre erwartet man doch ein wenig geschliffeneres Wortspiel.




Niels Frevert – Paradies der gefälschten Dinge
(Grönland, 2014)




Nach dem Auftritt beim Haldern Pop Festival war mir Niels Frevert in positiver Erinnerung geblieben, aber leider habe ich das damalige Album irgendwie verpasst. Jetzt aber habe ich schon Monate vorher auf das Paradies der gefälschten Dinge hingefiebert. Und das Warten hat sich ja so sehr gelohnt. Was für eine toll arrangierte Musik, die zwischen folkigen Akustik-Klängen und leichten Jazz- und Rock-Einschlägen changiert. Und diese Texte erst: brilliant beschriebene Alltags-Miniaturen oder Kleinst-Märchen, die ans Herz gehen, ohne auch nur ein bisschen kitschig zu werden. Ganz groß!



William Fitzsimons – Lions
(Grönland, 2013)




Das verfluchte dritte Album. Der Mann mit dem Rauschebart wagt zwar keine großen Experimente, dafür aber auch ansonsten nicht viel. Vielleicht ist man auch an einem gewissem Zeitpunkt mit einer Musik fertig beziehungsweise die Musik holt einen nicht genau am richtigen Standpunkt ab. Wie dem auch sei: Meines Erachtens nach ist das dritte Fitzsimmons-Album eine kleine Enttäuschung. So schön seine Stimme auch klingt und so toll er seine schlichten Songs mit kleinen Details auffüllt – irgendwie will der Funke nicht so recht überspringen. Es fehlt ein bisschen an dem entscheidenden Etwas, auf das man so schlecht den Finger legen kann.



Gerard – Blausicht
(Heart Working Class, 2013)




Nachdem ein guter Freund (gefühlt) schon Jahre vorher von Gerard geschwärmt hatte und die Musik aber seltsam unspektakulär daher kam, war das Album dann doch eine positive Überraschung. Wenn auch sicherlich nicht mein liebstes Rap-Album des Jahres, ist es doch ein sehr eigenes und schön zu Hörendes. Die Indie-basierten Beats und die melancholischen Texte, die Gerard wie einen zähflüssigen Stream of Consciousness vorträgt, ziehen den Hörer in den atmosphärischen Bann des Albums. Großartige Textzeilen inklusive: „Ich lass mich im blauen Nebel fallen. Draußen ist es kalt./ Will trotzdem raus, doch ich hab auch noch nicht bezahlt./ Stroboskope blitzen grau, der Rauch wirkt schon normal./ Will dich noch sehen, hab meinen Auftritt schon geplant./ Nummer längst gelöscht. Doch wen verarsch ich da?/ Sicher in alten SMSn noch wo zu finden und ich hab noch'n paar./ Handy raus. Was für ne Scheiß-Idee. Lieber schnell Handy aus.“



Love A/Koeter – Split
(Rookie Records, 2014)




Als ich auf dem letzten Bierschinken-Festival mit dem Antilopen-Gang-T-Shirt zum Koeter-Merch-Stand kam um die Split-LP zu kaufen, wusste der grinsende Bassist sofort, was ich im Schilde führte. Natürlich wollte ich das Vinyl vor allem wegen dem überragenden Remix von Love A's „Die Die Die“ haben, den ich immer noch für die perfekte Symbiose aus Punkrock, Rap und einem tanzbaren Beat halte. Selten so lachend beim Weinen getanzt.

Aber natürlich können auch die zwei Songs der beiden Bands überzeugen. Wo Koeter etwas rauer und wilder daherkommen, sind Love A gewohnt berechnend und bissig. Auch der Koeter-Remix (von Killerlady) ist übrigens sehr hörenswert. Wenn auch weniger tanzbar, dafür aber um so verstörender. (Sören Reimer)

Mittwoch, 19. November 2014

Fyn der Wal – Mama hat gelogen

(By Beathoven, 2014)






Ankommen, innehalten, mit den Tränen kämpfen. Bereits der Opener des Debüts des Songwriter-Duos Fyn der Wal setzt den Kurs, dem der Wal im Verlauf der kommenden halben Stunde folgen wird.



Gerade erst Anfang dieses Jahres gegründet, jetzt schon einen Plattenvertrag und eine Hochglanz-Aufnahme – so einfach kann es also sein, wenn man alles richtig macht. Doch was genau haben Fyn der Wal eigentlich richtig gemacht, damit sie jetzt „Mama hat gelogen“ via By Beathoven veröffentlichen können? Spätestens seit Lemmy wissen wir natürlich, dass man die richtigen Leute zur richtigen Zeit treffen muss, um es zu was zu bringen. Aber selbst diese Leute werden einen gewissen Anspruch an die Musik stellen – und den erfüllen Fyn der Wal zweifelsohne.



Schonungslos tauchen Tobias Hilprecht (Piano) und Stefan Herholz (Gesang) mit dem festgebundenen Zuhörer in die lichtlosen Tiefen ihrer Musik ab. Man ist versucht, sie die Untiefen ihres Seelenlebens zu nennen, doch das, was hier verarbeitet wird, wünscht man Niemandem.



Wie ernst kann man Musik nehmen, die textlich und musikalisch derartig in die Tiefe drängt? Der Wal geht nämlich nicht nur auf Kurs in Richtung Meeresboden, sondern auch in Richtung Kitsch und Pathos. Dass das (hervorragend arrangierte) Balladen-Piano nicht unterwegs Schützenhilfe von 1000 singenden Geigen erhält, ist Fyn schon zugute zu halten. Auch den Gesangskünsten von Sänger Stefan kann man ihre poppige, schmeichelnde Art abgewinnen. Dass die Texte aber derartig aus dem Vollen schöpfen ist manchmal schwer zu ertragen:



„Ich schenk dir jeden Stern, zieh in jede Schlacht, wenn du das willst.

[…]

Wer sich mir in den Weg stellt, den du gehen willst,

Der hat noch nie eine Armee von dieser Art gesehn.

Ich bau dir Brücken über Pfützen,

Bau dir ein Denkmal in meiner Seele.“




Natürlich könnte man an dieser Stelle die alte Ästhetik-Diskussion vom Zaun brechen; denn sicherlich: Das Album ist in sich geschlossen, hat eine klare und eigene Sprache und ist technisch gut gemacht. Wie so häufig kommt es aber auf den Geschmack an und von dem kann und will ich mich in diesem Fall gar nicht frei machen.


Zweifelsohne hat ein Label wie By Beathoven eine bestimmte Zielgruppe im Auge, wenn sie ein derartiges Album veröffentlichen. Und wenn man die Lieder von „Mama hat gelogen“ so auf sich wirken lässt, scheint es nur plausibel, dass eine breite Zuhörerschaft diese Musik ohne Ecken und Kanten mit offenen Armen aufnehmen wird. Irgendwo zwischen den Fans von Herbert Grönemeyer, Marius Müller Westernhagen und Yann Tiersen, die einfach nicht genug von Klavierballaden bekommen können und denen die textlichen und musikalischen Bögen gar nicht groß genug werden können, positionieren sich Fyn der Wal. Wer's mag, wird’s mögen. Die anderen sollten schlucken, durchatmen, weitergehen. (Sören Reimer)